Studienreise Amsterdam – Brüssel

Mitte September unternahm das Urban Diversity Team eine Studienreise in die Niederlande und nach Belgien, zwei Staaten, die für ihre Multikulturalität und ihre Förderung von guter Praxis im Bereich migrantisches Unternehmertum bekannt sind. Wir freuten uns darauf interessante Ideen, die auch in Österreich und Slowenien implementiert werden könnten, kennenzulernen.

Zu Beginn besuchten wir die Hauptstadt der Niederlande. Unser erster Stopp in Amsterdam war die Rederij Lampedusa – ein Kollektiv, dass Mitglieder aus Ägypten, Eritrea, Syrien, Sudan und den Niederlanden hat und die holländische Passion der Schifffahrt mit Erfahrungen von Migranten verknüpft. Die Gruppe organisiert Fahrten durch die Kanäle von Amsterdam mit zwei syrischen Fischerbooten, mit denen Migranten 2015 zur Insel Lampedusa geflohen waren. Während der Kanalfahrt berichtet ein Führer von seinen Fluchterfahrungen und präsentiert das von Einwanderern geformte Amsterdam. Rederij Lampedusa hilft Migranten sich in die Gesellschaft zu integrieren und ihre Geschäftsideen zu entwickeln. Das Projekt trägt auch dazu bei, dass Diversität in der niederländischen Gesellschaft akzeptiert und verstanden wird.

Am nächsten Tag besuchten wir zwei sehr interessante Einrichtungen. Zuerst waren wir bei der NGO Lola Luid zu Gast. Die Stadtverwaltung stellt der Organisation Räumlichkeiten zur Verfügung, aktuell eine alte Schule, die als Arbeitsplatz für zahlreiche Unternehmer – Maler, Autoren, Organisatoren von Workshops für Kinder und Nachhilfeunterricht, Organisatoren von Filmfestivals, Holzkünstler, Taschner, Frisöre, Parfümeure und viele andere – genutzt werden. Bevor Lola mit ihren Aktivitäten startet, werden die Bewohner der Umgebung nach ihren Bedürfnissen und Wünschen befragt. Lola schafft ein gutes Verhältnis zur Nachbarschaft, in der vornehmlich Türken und Marokkaner leben. Es werden unterschiedliche Workshops geboten, Vernetzung und Integration sind wichtig, und auch ein ausgezeichnetes Kaffeehaus wird betrieben.

Die zweite Station des Tages war eine weitere NGO namens Centre de Meevaart. Die Idee des Zentrums wurde während der letzten Wirtschaftskrise geboren. Die Gründer gingen auf die Straße und fragten die Leute (in diesem Viertel leben 183 unterschiedliche Nationalitäten) nach ihren Bedürfnissen und Wünschen für eine bessere Lebensqualität. Drei Jahre später erhielten sie die Erlaubnis ein Gebäude zu nutzen, das nun als Treffpunkt fungiert und Menschen dazu anregt an unterschiedlichen Aktivitäten teilzunehmen. Mehr als 15.000 Personen nutzen das Zentrum wöchentlich, sehr viele davon als Freiwillige. Das Zentrum organisiert auch Trainings in den Bereichen Gebäudemanagement und Altenpflege und unterstützt Personen ohne offizielles Diplom bei der Erlangung eines solchen sowie später bei der Arbeitssuche. Die angebotenen Ausbildungen des Zentrums sind von den staatlichen Bildungseinrichtungen offiziell anerkannt. Das Zentrum unterstützt auch Unternehmertum, da die Verantwortlichen davon ausgehen, dass zwar nicht jeder Mensch geregelte Arbeitszeiten von 9 bis 17 Uhr geschaffen ist, aber dennoch sehr talentiert und engagiert sein kann. Das Zentrum hat einen positiven Einfluss auf die Nachbarschaft, unterstützt Menschen bei der Integration und Inklusion und fördert Unternehmensideen seiner Besucher.

Am dritten Tag führte uns unsere Reise nach Brüssel. Erster Stopp: das Europäische Parlament, wo uns der Büroleiter einer österreichischen Abgeordneten die Arbeit und den Entscheidungsprozess des Parlaments darlegte, insbesondere im Bereich Migration. Unsere nächste Station war das Steiermark-Büro, die ständige Vertretung des Bundeslandes Steiermark in Brüssel, wo wir von Vertretern der erwähnten Institution sowie der Ständigen Vertretung der Republik Slowenien bei der Europäischen Union begrüßt wurden. Man erklärte uns, dass das Thema Migration das meist diskutierte Thema auf staatlichem Niveau sei und lokale und regionale Projekte, wie Urban Diversity, von großer Bedeutung seien.

Wir schlossen den Tag mit einem Besuch bei der Organisation We exist. Diese wurde von einem 24 jährigen Syrer namens Obada gegründet, der während der „Flüchtlingskrise“ 2015-2016 nach Brüssel gekommen war. Er hatte Belgien nach einer Odyssee über griechische Inseln, Ungarn, Österreich und Deutschland erreicht und vier Monate auf Anerkennung als Flüchtling, sowie weitere vier Monate auf ein kleines Apartment gewartet. Er suchte Arbeit, bekam aber aufgrund seines Flüchtlingsstatus keine. Zufällig besuchte er eine Konferenz bei der Vertreter der EU-Institutionen und unterschiedlicher NGOs über die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt diskutierten. Er begann Personen zu vernetzen und gründete die Organisation „We exist“. Man bot Caterings für unterschiedliche Veranstaltungen und Kochkurse. Einige Restaurants gestatteten der Organisation an Ruhetagen die Nutzung ihrer Räumlichkeiten. Laut eigenen Worten bemerkte er, dass die Menschen begannen die Mitglieder der Organisation zu akzeptieren und die Teilung auf wir/die anderen nicht mehr so häufig war. Dennoch: am Ende des Tages ist er nach wie vor ein Flüchtling und die Leute erwarten von Flüchtlingen günstigere Dienstleistungen. Zum Schluss verriet er uns das Rezept seines Erfolgs: „Ich war erfolgreich, weil ich erfolgreich sein wollte, weil ich Tag und Nacht arbeitete und jede Idee eine Million mal im Kopf durchging, weil ich mich nicht darüber beschwere, dass ich arbeiten muss, und an meine Idee glaube!“

Am nächsten Tag besuchten wir Molenbeek, jenen Stadtteil, der für einen besonderes hohen Migrantenanteil bekannt ist. Hier hat auch die Firma Microstart ihren Sitz, die Unternehmern, die bei Banken keine derartigen Möglichkeiten haben, Mikrokredite bietet. Laut Beobachtungen der Beschäftigten bei Microstart, würden immer mehr Menschen in diese Kategorie fallen. In der schwierigsten Situation sind dabei Migranten, deren Ausbildungen und Titel in Belgien nicht anerkannt werden und deren Sprachkenntnisse (Französisch oder Holländisch) noch nicht auf einem entsprechenden Niveau sind. Das Unternehmen setzt sich dafür ein, dass jeder seine oder ihre Unternehmensidee umsetzen kann. Microstart bietet Kredite zwischen 500 und 15.000 EUR mit einer etwas erhöhten Zinsrate, da Projekte, die man finanziert, üblicherweise ein höheres Risiko bergen. Die Firma unterstützt potentielle Unternehmer auch bei der Erlangung einer entsprechenden Befähigung, die in Belgien zur Gründung eines Unternehmens notwendig ist. Microstart kann dabei auf die Unterstützung zahlreicher, meist pensionierter Experten auf Freiwilligenbasis zählen, die angehende Unternehmer dabei unterstützen, relevantes Wissen und Fertigkeiten zu erwerben. Die Angestellten von Microstart sind dabei viel im Außendienst und im ständigen Kontakt mit Kreditnehmern, um im Bedarfsfall rasch zur Seite zu stehen. Nach der offiziellen Präsentation besuchten wir einige Kreditnehmer und ihre Unternehmen: einen Frisör aus Nigeria, das Mobilfunkgeschäft eines Pakistanis, eine bulgarische Bäckerei, ein nigerianisches Lebensmittelgeschäft und ein afrikanisches Restaurant. In letzterem konnten wir den Geschmack Afrikas im Herzen Europas genießen.

Unsere nächste Station war der Ausschuss der Regionen, die Stimme der europäischen Regionen in Brüssel. Der Vertreter des Ausschusses erklärte uns die Arbeit und den Einfluss, den Regionen auf europäischer Ebene haben.

Wir beendeten unsere Studienreise in einem der bekanntesten Viertel Brüssels – in Anderlecht, beim Verein Arnibel, der Menschen aus dem afrikanischen Staat Niger zusammenbringt. Wie auch viele andere Gesellschaften in der Diaspora unterstützt der Verein Landsleute, die nach Belgien kommen. Seine Arbeit umfasst zahlreiche Bereiche, etwa Wohnangelegenheiten, Spracherwerb, Integration im Arbeitsmarkt, Förderung von Unternehmertum, Kulturveranstaltungen und emotionale Unterstützung. Die Mehrheit der Vereinsmitglieder ist unternehmerisch tätig. Der aktuelle Präsident des Vereins präsentierte uns die Arbeit der Gesellschaft und ihre Räumlichkeiten, die auch als Treffpunkt dienen und zahlreiche Aktivitäten während des Tages bieten.

So vergingen fünf Tage wie im Flug. Wir kehrten voller neuer Eindrücke und Informationen nach Hause zurück. Nun gilt es, diese in unserer heimischen Umgebung zu implementieren.

Fotos der Studienreise sind in der Galerie zu finden: http://www.urbandiversity.eu/de/gallerie/study-visit-amsterdam-brussels/

Das Projekt wird von der Europäischen Union (Europäischer Fonds für regionale Entwicklung) im Rahmen des Kooperationsprogramms Interreg V-A Slowenien-Österreich kofinanziert.
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